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Gedenktage dämpfen die Ostalgie
2009-09-30
Zürich, 29.9.2009: Im Jahr 2009 berichten die Medien erstmals wieder kritischer über die DDR

Zürich, 29.9.2009: Der verklärende Rückblick auf die DDR speist sich vor allem aus der selektiven Berichterstattung der Medien. Die neueste Studie des Forschungsinstituts Media Tenor zeigt, daß der langfristige Trend in den Nachrichten von ARD und ZDF, die DDR weniger kritisch darzustellen, im Jahr 2009 vorläufig ein Ende gefunden hat. Die Gedenkveranstaltungen und Rückblicke auf den Mauerfall und die Geschichte der DDR rückten negative Aspekte wieder in den Vordergrund des DDR-Bildes. In den vorangegangenen Jahren waren dagegen Stasi und Grenzregime seltener ein Thema für die tonangebenden Fernsehnachrichten.

„Je seltener die Berichterstattung die vielen Schattenseiten der DDR erwähnt, desto stärker bricht der nostalgische Rückblick der gut vernetzten Ex-Funktionäre und Erinnerungs-Propagandisten von Gysi bis Thierse durch“, erklärt dazu Roland Schatz, Gründer und Chefredakteur von Media Tenor. Seit 2006 hatte sich die Historisierung des DDR-Bildes in den Abendnachrichten deutlich bescheunigt. „Im 2. Quartal 2006 lag der Überhang der kritischen Berichte noch bei -70%; aber in den folgenden Jahren ging die Kritik auf nur noch -15% Ende 2008 zurück“, erläutert Dr. Christian Kolmer, Leiter der Politikanalyse bei Media Tenor.

„Aber selbst wenn Kritik geübt wird, dann werden viele Aspekte ausgeblendet. Vor allem Streit um die Stasi-Akten und die Enttarnung weiterer Spitzel werden zu Nachrichten“, so Schatz. Das ökonomische Versagen, der Militarismus, die vielfältigen Einschränkungen der Freiheitsrechte: all dies spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. „Auch die kritische Sicht im Jahr 2009 speist sich nicht aus einer angemessenen Gesamtbewertung“, führt Dr. Kolmer aus. „Im Gegenteil: Stasi und Grenze machen zusammen 60% aller Berichte aus.“

Während die ehemaligen Bürger der DDR vermeintlichen Fehlentwicklungen in der Gegenwart ihre positiven Erinnerungen an ihre DDR-Vergangenheit gegenüberstellen, so speist sich die Beurteilung der DDR bei den Westdeutschen und den Jugendlichen, die keine eigene Erinnerung an die Ära der Teilung haben, vor allem aus der Darstellung der Medien. Die mangelnde Auseinandersetzung mit den strukturellen Mängeln des DDR-Systems – über den Unrechtscharakter des SED-Regimes hinaus – führt auch dazu, daß vor allem die Ostdeutschen der Sozialen Marktwirtschaft zunehmend kritischer gegenüberstehen. Nach einer aktuellen Analyse des Instituts für Demoskopie Allensbach halten nur noch 21% der Ostdeutschen das deutsche Wirtschaftssystem für unübertroffen, 34% sehen andere Systeme als besser und 45% sind unentschieden. So kommt Roland Schatz zu dem Schluß, „daß die Verklärung der DDR weiter zunehmen wird, wenn die tonangebenden Medien im Jahr nach dem Jubiläum nicht differenzierter über die Wirklichkeit in der DDR berichten werden.“

Media Tenor international beobachtet die Berichterstattung der tonangebenden deutschen Medien seit 1994. Für diese Analyse wurden insgesamt 997 Beschreibungen der DDR-Vergangenheit in ARD Tagesschau und Tagesthemen, ZDF heute und heute journal sowie den politischen TV-Magazinen von ARD und ZDF ausgewertet.

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